Wann hilft eine Prismenbrille bei latentem Schielen?

Eine Prismenbrille kommt infrage, wenn die Untersuchung latentes Schielen feststellt und es Beschwerden verursacht. Dabei weichen die Augen leicht voneinander ab, doch das Gehirn richtet sie beim Sehen mit beiden Augen meist gemeinsam aus. Das Prisma im Brillenglas lenkt das Licht um. So müssen die Augen weniger ausgleichen. Es kann auch helfen, Doppelbilder zu einem Bild zusammenzuführen.

Kleine Abweichungen sind häufig und müssen oft nicht behandelt werden. Kopfschmerzen, müde Augen oder verschwommenes Sehen allein weisen nicht auf latentes Schielen hin. Entscheidend sind der Untersuchungsbefund, die Beschwerden und ob eine Prismenbrille im konkreten Fall entlastet.

Was latentes Schielen bedeutet

Bei latentem Schielen, medizinisch Heterophorie, haben die Augen eine Tendenz, nicht genau parallel zu stehen. Solange beide Augen zusammenarbeiten, fügt das Gehirn ihre Bilder meist zu einem einzigen Bild zusammen. Das Zusammenführen der Bilder nennt man Fusion. Wird sie unterbrochen, etwa wenn ein Auge abgedeckt wird, kann die Abweichung sichtbar werden.

Das unterscheidet eine Heterophorie von manifestem Schielen: Dabei stehen die Augen dauerhaft oder sichtbar nicht in dieselbe Richtung. Auch eine Konvergenzschwäche ist eine eigene Störung des beidäugigen Sehens. Sie betrifft die Fähigkeit, die Augen beim Blick auf nahe Dinge nach innen zu richten, und ist nicht gleichbedeutend mit jeder Form von latentem Schielen.

Beschwerden bei latentem Schielen

Beschwerden fallen häufig bei längerer Naharbeit auf. Beim Lesen oder am Bildschirm können die Augen rasch ermüden, die Schrift kann zeitweise verschwimmen, und manche Betroffene bekommen Stirnkopfschmerzen oder sehen gelegentlich doppelt. Längeres Lesen kann dadurch anstrengend werden.

Diese Anzeichen haben viele mögliche Ursachen. Eine Fehlsichtigkeit, Schwierigkeiten beim Scharfstellen oder andere Augenprobleme können ähnliche Beschwerden auslösen. Deshalb reicht ein Symptom wie Kopfschmerz oder Lesemüdigkeit nicht aus, um eine Prismenbrille zu begründen.

Wie das Prisma entlastet

Ein Prisma lenkt den Lichtweg im Brillenglas um. Dadurch verschiebt sich das Bild für das betroffene Auge. Bei bestimmten Augenfehlstellungen kann das die Bilder beider Augen näher zusammenbringen und das gemeinsame Sehen erleichtern. Bei Doppelbildern kann ein Prisma helfen, die beiden Bilder übereinanderzubringen.

Die Brille verändert damit die Bildlage, die das Auge wahrnimmt. Sie beseitigt nicht automatisch die Ursache der Augenabweichung. Ob sie hilft, hängt davon ab, welche Abweichung vorliegt und ob das Prisma zu den Beschwerden passt. Wenn die Abweichung je nach Blickrichtung unterschiedlich stark ist, lässt sie sich möglicherweise nur in bestimmten Blickrichtungen ausgleichen. Stärkere Prismen können außerdem Bildverzerrungen verursachen oder schwerere und dickere Gläser erfordern.

Wann eine Prismenbrille infrage kommt

Eine Prismenbrille kommt infrage, wenn eine fachliche Untersuchung eine Augenstellungs- oder Fusionsstörung feststellt und die Beschwerden zu diesem Befund passen. Vorher sollten die Sehstärke und das Scharfstellen geprüft sowie andere mögliche Ursachen berücksichtigt werden. Eine kleine Abweichung ohne Beschwerden muss nicht behandelt werden.

Eine Fachperson kann zunächst prüfen, ob ein Prisma das Sehen oder die Beschwerden verbessert. Dafür lässt sich vorübergehend ein aufklebbares Prisma, ein sogenanntes Fresnel-Prisma, auf ein Brillenglas setzen. Der Versuch hilft bei der Entscheidung, ersetzt aber nicht die Untersuchung: Beschwerden können auch unabhängig von der Augenabweichung bestehen.

Bei Kindern sollte eine Prismenbrille besonders gezielt verordnet werden. Eine randomisierte Studie mit 72 Kindern und Jugendlichen mit symptomatischer Konvergenzschwäche fand nach sechs Wochen keinen Vorteil von Prismen-Lesebrillen gegenüber Placebo-Brillen. Das Ergebnis betrifft diese spezielle Diagnose und Behandlung, nicht jede Form des latenten Schielens.

Bei Erwachsenen gibt es begrenzte Hinweise auf eine Linderung von Beschwerden in bestimmten Fällen. Eine kleine Studie mit 29 Erwachsenen im Alter von 45 bis 68 Jahren mit symptomatischer Konvergenzschwäche fand niedrigere Symptomwerte mit Prismen in Gleitsichtgläsern als mit Kontrollgläsern. Die Studie zeigte dabei keine entsprechende Verbesserung der gemessenen Konvergenz. Eine Cochrane-Übersicht aus dem Jahr 2020 kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Für Kinder zeigte sich kein Vorteil. Bei Erwachsenen stammten die Hinweise aus einer einzelnen Studie. Die Evidenz blieb begrenzt.

Wann Doppelbilder rasch abgeklärt werden müssen

Neu auftretende Doppelbilder sollten medizinisch abgeklärt werden, statt sie einfach mit einer Prismenbrille zu überdecken. Plötzlich einsetzende Doppelbilder erfordern eine dringende Untersuchung. Treten sie zusammen mit starken Kopfschmerzen oder nach einer Kopfverletzung auf, ist eine sofortige Notfallabklärung angezeigt.

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